Neue Regeln, große Bühne, hitzige Debatten: Schon in der frühen Gruppenphase der WM 2026 standen nicht nur die Tore im Mittelpunkt, sondern auch die Schiedsrichter. Zwei Szenen mit den größten Namen des Turniers — Kylian Mbappé und Lionel Messi — sorgten für die meisten Diskussionen. Eine sachliche Einordnung der strittigsten Entscheidungen, mit Blick auf das, was Experten dazu sagen.
Die Mbappé-Szene: Kontakt ja, Elfmeter nein
Die meistdiskutierte Situation ereignete sich im Spiel zwischen Frankreich und Senegal. Beim Stand von 0:0 wurde Kylian Mbappé im Strafraum von Sadio Mané mit einer Grätsche zu Fall gebracht. Schiedsrichter Alireza Faghani entschied zunächst auf Weiterspielen, ehe sich der Video-Assistent zur Überprüfung eines möglichen Strafstoßes meldete. Faghani sah sich die Bilder, die eine Berührung durch Mané belegten, selbst am Monitor an — blieb aber bei seiner ursprünglichen Bewertung. Es gab keinen Elfmeter.
Für ARD-Schiedsrichterexperte Lutz Wagner war das eine Fehlentscheidung. Sein Argument: Der Kontakt sei vorhanden gewesen, Mbappé komme durch die Berührung des Gegenspielers ins Straucheln und stürze daraufhin — ein Strafstoß wäre die korrekte Entscheidung gewesen. Spielentscheidend war die Szene letztlich nicht: Mbappé traf wenig später ohnehin, schnürte sogar einen Doppelpack, und Frankreich gewann mit 3:1.
Die Messi-Szene: Ermahnung statt Karte
Deutlich folgenreicher hätte eine Situation im Spiel zwischen Argentinien und Algerien werden können. In der 31. Minute traf Lionel Messi seinen Gegenspieler Aïssa Mandi von hinten an Wade und Achillessehne. Der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak beließ es bei einer Ermahnung, und auch der Video-Assistent griff nicht ein.
Auch diese Entscheidung sieht Wagner kritisch. Anders als bei der Mbappé-Szene, in der es um ein mögliches Vergehen gegen den Star ging, stand hier ein Foulspiel durch einen der prominentesten Spieler des Turniers im Raum — ein heikler Moment für jeden Unparteiischen, der zeigt, wie schwer einheitliche Maßstäbe in der Praxis durchzuhalten sind.
Neue Regeln, neue Diskussionen
Die WM 2026 wird ohnehin von einer Reihe von Regelanpassungen begleitet, die die Schiedsrichter zusätzlich fordern. Eine Debatte, die FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina angestoßen hat, betrifft den Videobeweis bei Eckbällen. Bislang ist der VAR bei der Frage, ob eine Ecke zu Recht gegeben wurde, außen vor. Collina argumentiert, dass es bei einem Eckball ohnehin eine natürliche Verzögerung gebe — die Zeit, in der die Innenverteidiger nach vorne rücken — und genau dieses Zeitfenster ließe sich nutzen, um eine möglicherweise falsch gegebene Ecke zu überprüfen, ohne das Spiel zusätzlich aufzuhalten.
Ob es zu einer solchen Ausweitung kommt, ist offen. Klar ist nur: Die Diskussion über das richtige Maß an Technik-Einsatz begleitet auch diese Weltmeisterschaft.
Einordnung: Zwischen Linie und Einzelfall
Worauf die strittigen Szenen hinweisen, ist weniger ein Versagen einzelner Schiedsrichter als die grundsätzliche Schwierigkeit, in Sekundenbruchteilen eine konsistente Linie zu finden — gerade dann, wenn der VAR eine Entscheidung zwar überprüft, sie aber dem Unparteiischen auf dem Platz überlässt. Die Mbappé-Szene zeigt, dass auch nach einem Monitor-Blick Interpretationsspielraum bleibt; die Messi-Szene, wie schwer Maßstäbe bei prominenten Akteuren durchzuhalten sind. Für die weitere Turnierphase wird entscheidend sein, ob die Schiedsrichter zu einer erkennbar einheitlichen Linie finden — denn in der K.-o.-Runde können solche Momente nicht mehr durch ein spätes Tor relativiert werden.
