
Mit 25 Jahren haben viele Menschen gerade ihr Studium beendet oder sammeln die ersten Jahre Berufserfahrung. Im professionellen E-Sport sieht die Sache ganz anders aus. Wer hier Mitte 20 ist, gehört in vielen Spielen bereits zu den erfahrenen Profis, den sogenannten E-Sport-Veteranen.
Nicht wenige Spieler beenden ihre aktive Karriere sogar in einem Alter, in dem andere Sportler noch viele Jahre auf dem Platz vor sich haben. Doch warum ist die Zeit an der Spitze im E-Sport häufig so kurz?
Körperlicher Verschleiß wie im klassischen Profisport kann schließlich kaum der einzige Grund sein. Tatsächlich spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle und nicht alle haben mit schnellen Reflexen zu tun.
Hoher Leistungsdruck trifft auf starke Konkurrenz
Ein Platz in einem professionellen E-Sport-Team ist selten auf Jahre sicher. Junge Talente rücken laufend nach und können sich über Ranglisten, kleinere Turniere oder Nachwuchsteams für größere Organisationen empfehlen.
Bleiben die Leistungen eines Profis hinter den Erwartungen zurück, kann ein anderer Spieler seinen Platz übernehmen. Somit werden E-Sportler tragischerweise deutlich schneller von jüngeren Talenten ersetzt, als es beispielsweise im Profifußball der Fall wäre.
Der Arbeitsalltag eines E-Sportlers hat zudem wenig mit ein paar gemütlichen Gaming-Stunden am Abend gemeinsam. Einzeltraining, gemeinsame Partien mit dem Team, die Analyse vergangener Matches und die Vorbereitung auf kommende Gegner füllen einen großen Teil des Tages.
Während der Saison stehen außerdem Turniere und Reisen im Kalender und viele Profis beginnen diese Laufbahn bereits als Teenager. Mit 25 können sie deshalb schon sieben, acht oder mehr Jahre auf hohem Niveau gespielt haben.
Sie gelten dann als Veteranen, die meist auf einige höchst turbulente Jahre zurückblicken und auch viel Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit erfahren haben.
Schon als Teenager Teil eines internationalen Wettmarkts
Viele E-Sportler treten schon als Teenager bei großen Turnieren an. In Ländern, in denen E-Sport-Wetten erlaubt sind, kann damit sogar auf die Matches minderjähriger Profis gewettet werden.
Für die Spieler gehört der Wettmarkt so teilweise schon zum beruflichen Umfeld, bevor sie selbst überhaupt alt genug sind, um daran teilzunehmen. Auch ein Teil des E-Sport-Publikums ist noch sehr jung, was die Nähe zum Glücksspiel nicht ganz unproblematisch macht.
Nichtsdestoweniger profitiert die Branche finanziell von dem Wettmarkt, beispielsweise wenn Wettanbieter als Sponsoren von Teams oder Turnieren auftreten.
In Deutschland sind Wetten auf E-Sport derzeit nicht zugelassen. Volljährige dürfen bei lizenzierten Anbietern jedoch auf klassische Sportarten wie Fußball, Tennis oder Basketball wetten.
Erlaubt sind außerdem andere Formen des Online-Glücksspiels, darunter virtuelle Automatenspiele, die bei lizenzierten Anbietern für Löwen Play zur Verfügung stehen.
Erfahrung vs. körperliche Reflexe
Mit zunehmender Erfahrung kennen E-Sportler ihre Spiele immer besser. Sie erkennen typische Situationen schneller, können Gegner besser einschätzen und müssen über viele Abläufe kaum noch bewusst nachdenken.
Gegen einen deutlich jüngeren Spieler reicht dieser Erfahrungsvorsprung trotzdem nicht immer aus, denn in vielen E-Sport-Titeln entscheiden schließlich Sekundenbruchteile darüber, wer zuerst reagiert.
Wie früh sich solche Unterschiede bemerkbar machen können, untersuchten Wissenschaftler der Simon Fraser University anhand von Daten von 3.305 StarCraft-2-Spielern zwischen 16 und 44 Jahren.
Ihre Studie zum altersbedingten Rückgang der Reaktionsgeschwindigkeit kam zu einem überraschenden Ergebnis. Bereits ab einem Alter von rund 24 Jahren wurden die Spieler bei komplexen Reaktionen innerhalb des Spiels messbar langsamer. Der Effekt ließ sich auch bei Spielern mit hoher Erfahrung beobachten.
Groß sind die Unterschiede von einem Geburtstag zum nächsten natürlich nicht. Bei einem schnellen Strategiespiel summieren sich jedoch schon wenige Millisekunden über Hunderte Aktionen.
Die Forscher errechneten beispielsweise für einen 39-jährigen StarCraft-Spieler gegenüber einem vergleichbaren 24-Jährigen einen Unterschied von rund 150 Millisekunden bei bestimmten Reaktionsabläufen. Über eine 15-minütige Partie konnte daraus insgesamt ein Zeitnachteil von rund 30 Sekunden entstehen.
Reaktionszeit ist nicht gleich Denkgeschwindigkeit
Langsamere Reaktionen bedeuten nicht automatisch, dass auch die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Das zeigt unter anderem eine 2022 in Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung mit mehr als 1,2 Millionen Teilnehmern.
Die mentale Verarbeitungsgeschwindigkeit blieb demnach vom jungen Erwachsenenalter bis ungefähr zum 60. Lebensjahr weitgehend stabil. Die gemessenen Reaktionszeiten verlängerten sich trotzdem schon früher.
Die Forscher führen das unter anderem auf vorsichtigere Entscheidungen und langsamere motorische Reaktionen zurück. Das Gehirn verarbeitet die Informationen also weiterhin schnell, während die körperliche Umsetzung etwas mehr Zeit beanspruchen kann.
Im E-Sport reichen bereits sehr kleine Unterschiede aus. Ein erfahrener Profi erkennt eine Spielsituation möglicherweise schneller und weiß aus jahrelanger Erfahrung, welcher Zug sinnvoll ist.
Am Ende müssen Finger und Hände die Entscheidung aber ebenso schnell über Maus, Tastatur oder Controller umsetzen. Ein paar Millisekunden entscheiden noch keine Partie. Bei schnellen E-Sport-Titeln werden jedoch innerhalb eines Matches unzählige Aktionen ausgeführt.
Kleine Unterschiede bei der Reaktionszeit treten dadurch immer wieder auf. Erfahrung bleibt ein Vorteil, kann die schnelleren motorischen Reaktionen jüngerer Spieler aber nicht in jeder Situation ausgleichen.
Dauertraining hinterlässt Spuren
Nicht jede kurze E-Sport-Karriere endet wegen nachlassender Reaktionsgeschwindigkeit. Jahrelanges Training und der Druck, den eigenen Platz im Team zu behalten, können auch psychisch und körperlich anstrengend werden. Leistungsdruck und Übertraining gehören zu den bekannten Ursachen für Burnout unter professionellen Spielern.
Selbst körperliche Beschwerden sind im E-Sport keine Seltenheit. Viele Stunden vor dem Bildschirm können sich unter anderem durch müde Augen sowie Schmerzen im Rücken, in den Händen oder Handgelenken bemerkbar machen. Unregelmäßige Trainings- und Turnierzeiten können außerdem den Schlaf beeinträchtigen.
Ein Spieler, der bereits als Teenager in den professionellen E-Sport eingestiegen ist, hat mit Mitte 20 möglicherweise schon viele Jahre mit langen Trainingstagen, Turnieren und ständigem Leistungsdruck hinter sich.
Das frühe Karriereende hat deshalb nicht immer unbedingt nur damit zu tun, dass ein jüngerer Konkurrent schneller klickt. Manchmal ist nach Jahren als Profi auch schlicht die Luft raus.
Karriereende heißt nicht Abschied vom E-Sport
Nach dem letzten Match muss für E-Sport-Profis noch lange nicht Schluss sein. Viele bleiben der Szene erhalten und wechseln beispielsweise ins Coaching. Aus dem klassischen Sport kennt man solche Laufbahnen ebenfalls.
Frühere Spitzensportler werden zu Trainern und geben die Erfahrung aus ihrer aktiven Karriere an die nächste Generation weiter. Im E-Sport gibt es dafür einige bekannte Beispiele. Lukas „gla1ve“ Rossander gewann als Counter-Strike-Profi vier Majors und war jahrelang als In-Game-Leader aktiv.
Nach dem Ende seiner Spielerkarriere wechselte er ins Coaching. Christopher „GeT_RiGhT“ Alesund schlug einen anderen Weg ein. Der frühere Counter-Strike-Star beendete 2021 seine Profikarriere und konzentrierte sich anschließend stärker auf Streaming und andere Inhalte.
Noch einen Schritt weiter ging Enrique „xPeke“ Cedeño Martínez. Der frühere League-of-Legends-Weltmeister gründete mit Origen eine eigene E-Sport-Organisation und war dort zeitweise auch als Trainer tätig.
Mit Mitte 20 kann die aktive Laufbahn im E-Sport also tatsächlich schon vorbei sein. Das Wissen aus Tausenden Trainingsstunden und Wettkämpfen verschwindet mit langsameren Reflexen jedoch nicht. Als Coach, Streamer, Kommentator oder Teamverantwortlicher können ehemalige Profis noch viele Jahre in der E-Sport-Welt verbringen.
